Wenn ein Skill plötzlich weg ist

November 28, 2013 at 5:03 pm

Bis vor ein paar Wochen hatte Steffie keine Probleme im Stunten, schon gar nicht mit Full Ups. Egal ob einfacher Full Up im Groupstunt oder 1.5 Up im Twobase, sie musste nicht drüber nachdenken. Der stand einfach.
Dann auf einmal hatte sie einen schlechten Tag. Der Full Up ging irgendwie immer schräg rüber, leicht nach vorne und leicht zur Seite. Der 1.5 Up ging noch ohne Probleme.
„Jeder hat mal einen schlechten Tag“, haben alle gesagt und das abgehakt. Aber es wurde irgendwie nicht besser. Die Full Ups gingen beim nächsten mal zwar nicht mehr zur Seite, dafür aber noch mehr nach vorne. Egal welche Bases drunter waren. Ein paar Tage später ging noch nicht einmal mehr eine Lib gerade hoch. Steffie war frustriert und sauer auf sich. Schließlich wusste sie, dass sie den Stunt eigentlich im Schlaf beherrscht hatte. Aber plötzlich hatte sie kein Gefühl mehr für das, was sie währenddessen machte. Und je mehr andere zu ihr sagten „Lehn dich nicht vor, bleib hinten!“ umso frustrierter wurde sie. War ja schließlich nicht so, als würde sie es mit Absicht machen oder nicht versuchen, was zu ändern.

Das was Steffie hier passiert ist, ist nicht selten. Es gibt wohl kaum etwas frustrierenderes im Cheerleading, als zu wissen, dass man einen Skill beherrscht aber aus unerfindlichen Gründen nicht in der Lage zu sein, ihn zu ziehen. Die betroffenen Personen fühlen sich dabei oft irgendwann einsam und unverstanden.

Aber schauen wir doch einfach mal genau hin, was Steffie hier passiert ist: Sie beherrschte einen Stunt aus dem FF, musste nicht mehr nachdenken, was sie zu tun hatte, um ihn zu stehen. Im Prinzip also das, wovon jeder Sportler träumt. Das Problem ist allerdings, dass dieser Zustand störanfällig ist. Wenn ein Cheerleader, nicht 100%ig zu jeder Zeit weiß, was er im Stunt wann und wie tun muss, sondern alles automatisch macht, kann ihn so ein schlechter Tag, wie Steffie ihn hatte, völlig aus dem Konzept bringen. Oft betrifft es Flyer aber durchaus nicht nur.
Der schlechte Tag, an dem es irgendwie nicht so klappt, säht Zweifel. Auch wenn man sich sagt, dass es beim nächsten Mal sicher wieder klappt… so ganz sicher ist man sich nicht. Und wenn die betroffene Person dann zu sehr anfängt, an sich zu zweifelt, kann diese Saat manchmal sehr schnell wachsen. Das muss nicht unbedingt bedeuten, dass derjenige plötzlich Angst spürt, es reicht, dass im Hinterkopf eine kleine Stimme permanent zweifelt. Im Versuch, das Problem zu überwinden, versucht man dann alles mögliche, schraubt an der Technik, wo man nur kann und verunsichert sich damit häufig nur noch mehr. In manchen Fällen kann es soweit gehen, dass selbst einfachste Skills nicht mehr gelingen, weil man sich so sehr unter Druck setzt, dass gar nichts mehr geht.

Was kann ich also machen, wenn ich in diese Situation zu geraten drohe und wie können Coaches und Teammitglieder helfen?

Das ist nicht ganz einfach zu beantworten, weil wir natürlich alle unterschiedlich ticken. Es gibt aber ein paar Maßnahmen, die oft Erleichterung bringen. Und den Druck zu nehmen, ist manchmal das Beste, was man in so einem Fall machen kann, auch wenn es Zeit kostet. Je mehr Druck sich aufgebaut hat, umso weniger vertraut die betroffene Person ihren Fähigkeiten. Vertrauen ist aber wie jeder weiß der Schlüssel zu erfolgreichem Cheerleading. Vertrauen nicht nur darauf, dass die Bases den Flyer fangen, sondern gerade auch in sich selbst. Wenn nicht jede Person in einem Groupstunt durchzieht, wird der Stunt höchstwahrscheinlich nicht oder nicht gut stehen.

Oft hilft es, ein oder zwei Schritte zurück zu gehen und für eine Weile an einfacheren oder ganz anderen Stunts zu arbeiten, wenn man bemerkt, dass eine Person einen Knoten im Kopf entwickelt. Es bringt meistens nichts, sich in einen bestimmten Skill zu verbeißen und auf Teufel komm raus zu versuchen, den Fehler zu beseitigen.
Manchmal hilft es schon komplett andere Stunts zu machen. Wenn die dann stehen, kommt das Selbstvertrauen meist schnell zurück. Und wenn man sich vorher noch nicht zu lange an dem Problem-Stunt aufgehalten hatte, steht der kurz darauf auch wieder als wäre nichts gewesen.
Wenn das nicht der Fall ist, dann hilft es meistens wirklich, leichtere Stunts und Vorübungen anzugehen. Wichtig ist dabei, da nicht auch gleich wieder Druck aufzubauen, sondern gerade als Coach so gut es geht entspannt bleibt und kein großes Aufheben darum macht. Ein Coach und eine Stuntgroup, die sich nicht verrückt machen lassen und der betroffenen Person einfach das Gefühl geben, an sie zu glauben, können viel bewirken.

Es gibt natürlich auch Menschen, die unter Druck besser funktionieren und bei denen ein Stunt nach einer strengen Ansage vom Coach plötzlich steht. Allerdings lag da das Problem, wieso der Stunt vorher nicht stand meistens ein bisschen woanders und es war eher ein grundsätzlichen Zögern und halbherziges Stunten.

Wie so oft kommt es also darauf an, die Einzelnen einschätzen zu können. Mit etwas Erfahrung wird es aber meist gut gelingen, ehrliche Bemühungen und Frustration mit sich selbst von einer halbherzigen Einstellung zu unterscheiden.